Markus Karas

Conductor, composer and concert organist

Deutschland, Germany

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Markus Karas was born in 1961. After graduating from high school he studied church music at the Academy of Music and the Performing Arts in Frankfurt am Main, including the organ at Prof. Edgar Krapp, choral conducting at Wolfgang Schäfer and counterpoint, harmony and form studies with Prof. Heinz Werner Zimmermann. Following the basic examinations, he took a further postgraduate course in the organ master class of Prof. Edgar Krapp, before taking his concert exam in 1987 and receiving his academic degree as a concert soloist. Through his membership of the Frankfurter Kantorei (1978–1992), where Karas was temporarily also the deputy conductor, he enjoyed formative collaborations with renowned conductors such as Riccardo Chailly, Michael Gielen, Nicolaus Harnoncourt, Eliahu Inbal, Helmuth Rilling and others. He was the choirmaster in charge of medieval, Renaissance and Baroque music at the Staufener Musikwoche (1989–1992). After his degree, Karas participated among other things in master classes by Ton Koopman, Michael Radulescu and Jean-Claude Zehnder. Since 1974 many compositions have been written, particularly for choir, piano and organ, which have since been published by seven publishers. In 1985 he won the first prize at the Limburger-Dom-Orgelwettbewerb. Markus Karas has been organist at the Bonn Minster and the conductor of its choirs since 1989. In 1992 he also became the regional cantor of the entire Bonn deanery and has since then regularly conducted and played at the Beethovenfest Bonn. In 2001 Karas also took on the musical direction of BonnSonata, Bonn's nationally and internationally highly acclaimed women's chamber choir. His intensive concert activity as an organist and conductor has taken Karas all over Europe, to Russia, North America, to Lebanon and Australia. Several radio and television recordings as well as CDs and DVDs have been made since 1984. Karas is regularly invited as a lecturer at music events and is one of the editors of the magazine Musik & Kirche (published by Bärenreiter-Verlag). Many of his former organ students have since completed successful university careers. In 2008 he was awarded the Sudetenland "Kulturpreis Musik" awarded by the state of Bavaria and in 2009 he was appointed to the Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste in Munich.

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Interview

What does music mean to you personally?

Musik ist mein Leben, die klassische Musik ganz besonders. Wirklich gut komponierte Musik, insbesondere die der vergangenen 200 Jahre, ist für mich zum Leben ebenso wichtig wie Essen und Trinken. Aber auch jede authentische Musik anderer Kulturen fasziniert mich. Neben symphonischer Film- und Tanzmusik (auch der „Tango argentino“ von Astor Piazzolla), erfreuen mich alte Ragtimes und die Musik der 1920er Jahre. Jazz und guter Swing machen mir immer Spaß!

Do you agree that music is all about fantasy?

Musik kann ihren Ursprung in der Fantasie des Komponisten haben – und die Fantasie der Zuhörer aufs schönste zum Blühen bringen. Aber gute Musik braucht auch eine ganze Menge handwerklichen Könnens, damit sie über den momentanen Effekt hinaus trägt und fortbesteht – so, wie auch ein grandioses Gebäude nur dank genau beachteter Regeln der Physik und Statik über die Jahrhunderte erhalten bleiben und faszinieren kann. Komponisten von absoluter oder Programm-Musik müssen die Grundregeln der Harmonie- und Formenlehre, des Kontrapunkts und der Instrumentenkunde perfekt beherrschen, um sie wirkungsvoll anzuwenden. Auf solch einem soliden kompositorischen Fundament können fantasievollste Melodien klangvoll erblühen und ihre nachhaltige Wirkung rhythmisch-dynamisch in die Zukunft verströmen.

If you were not a professional musician, what would you have been?

Als Kind und Jugendlicher zeichnete und malte ich ebenso gerne wie ich Zeit an meinen Instrumenten, mit dem Improvisieren und dem Verfassen erster Kompositionen verbrachte. Vermutlich hätte ich Malerei studiert. Aber ich wusste eigentlich schon mit 16 Jahren, dass diese Form des Künstlerdaseins mich nicht genügend herausfordern würde. Diese Chance sah und sehe ich noch heute in der Musik.

The classical music audience is getting old, are you worried about the future?

Um meinen Job muss ich mich glücklicherweise nicht sorgen. Als Regional- und Münsterkantor in Bonn habe ich eine sichere Stelle. Aber um die Zukunft meiner Studenten sorge ich mich! Nicht erst seit der Corona-Pandemie sieht es tatsächlich nicht gut aus, wenn man z.B. traditionelle Abonnement-Konzerte in den Konzerthäusern Deutschlands besucht. Die „Generation 60 plus“ überwiegt, ganz klar. Aber es gibt mittlerweile eine ganze Reihe erfolgreicher und zukunftswirksamer Formate wie Familienkonzerte, Opernwerkstätten oder interaktive Formate in Bezug auf die Präsentation von klassischer Musik – auch unter Beteiligung der anwesenden Kinder und Jugendlichen. Von diesen neuen Formaten fühlen sich alle Generationen angesprochen. Diese müssten aber seitens der Städte und Kommunen unbedingt ausgebaut und von deren städtischen Orchestern und Opernhäusern als unabdingbar eingefordert werden. Ein „Einfach weiter so!“ würde zukünftig zu einer Marginalisierung der klassischen Musik führen. Und damit eine über tausend Jahre lang gewachsene und kontinuierlich weiterentwickelte Kultur in eine Nische verdrängen, wenn nicht sogar diese Traditionslinie abbrechen. Die kommerzielle Pop- und Hintergrundmusik frisst sich mittlerweile fast wie ein Schimmelpilz in das wunderschöne Gebäude der klassischen Musik. Jede in vielen Medien praktizierte Nivellierung auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ (nicht nur in der Musik) ist ein Risiko für anspruchsvolle Kultur. Dabei ist eine gewachsene, gepflegte und sich aus der Tradition heraus ständig weiterentwickelnde und erweiternde Kultur in all ihren Ausdrucksformen meiner Meinung nach die Seele eines Volkes, wenn nicht sogar die Seele der ganzen Welt.

What do you envision the role of music to be in the 21st century? Do you see that there is a transformation of this role?

Musik verkommt immer mehr zur „Häppchenware“. Selbst die Jingles zwischen Wortbeiträgen im Radio oder bei der Werbung sind mittlerweile zunehmend eindimensional, wenn nicht sogar banal. Zumindest in der Filmmusik hat das klassische Orchester aber seinen festen Platz behaupten können. Und wie die Filmmusik darf auch die „absolute klassische Musik“ der Konzertsäle (und des worldwide net) nicht auf revitalisierende Elemente verzichten. Diese können – wie zu allen Zeiten – Pattern und Stilmittel der authentischen Folklore aller Kontinente sein: nie war das Angebot an solcher Musik so groß und vielfältig für Komponisten wie heute; auch Elemente aus Jazz, Rock, Hip-Hop und Techno sollten ohne elitäre Scheuklappen auf ihre Eignung und Assimilationsfähigkeit überprüft und in die „Neue Klassik“ eingebaut werden. Der Elfenbeinturm der so genannten „Neuen Musik“, der sich, nach Dodekaphonie, serieller und aleatorischer Musik, immer weiter von den Hörgewohnheiten (und Zumutbarkeiten) des normalen Klassik-Hörers entfernt hat, wird – solitär – nicht zukunftsfähig sein. Auch dieser Sektor braucht dringend eine Erdung und einfachere Zugangsformen. Minimal- und Weltmusik sind dagegen wesentlich zugänglicher und auch in breiteren Hörerkreisen angekommen und willkommen.

Do you think that the musician today needs to be more creative? What is the role of creativity in the musical process for you?

Die Kreativität der Komponierenden muss wohl noch mehr ausgeweitet werden. Wir brauchen ganz klar auch mehr Cross-Over-Music. Vor allem in unserem Konzertbetrieb brauchen wir eine Mischung aus Klassik und solcher Musik sämtlicher anderer Genres, in deren Kontext ausgewählte klassische Musikwerke passen oder einen reizvollen Kontrast setzen. So werden die „alten Sachen“ neu gehört und in ihrer Qualität zugänglicher gemacht als in „puren“ Konzerten für die kleiner werdende selbsternannte, klassische „Kultur-Elite“. Heutige Video-Clips mit klassischer Musik sind ebenso sinnvoll und zeitgemäß! Schon früher haben (Disney-Trick-)Filme mit ausgewählter klassischer Musik dieser zu mehr Bekanntheit verholfen. Nur ein Beispiel: „Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas. Die Verknüpfung von Audio und Visualisierung erleichtert immer den Einstieg in eine neue Materie. Ein „Event“-Charakter neuer Konzertformate ist nicht unbedingt notwendig, kann aber akzentuiert auch hilfreich sein. Die Zugänge zur klassischen Musik müssen aber wesentlich variabler und auch origineller werden. Selbst vor „The-Best-of“-Konzerten sollte man nicht reflexartig zurückschrecken. Viele von uns hatten eine solche erste Schallplatte oder CD mit „The Best of Classics“ als initialisierendes Klassik-Erlebnis. Kreativität fällt nicht vom Himmel. Wenn der Komponist sein Handwerk studiert hat und beherrscht, braucht er einen wachen Verstand und eine hohe Sensibilität für alles, was auf der Welt passiert, auch welche Emotionen in der Luft liegen und was daraus folgerichtig in Musik transformiert werden kann und soll. Die daraus erwachsene Musik ist im besten Sinne kreativ und erreicht die Menschen in ihrem Sein.

Do you think we as musicians can do something to attract the younger generation to music concerts? How would you do this?

Wir müssen der Jugend überzeugend beweisen, dass klassische Musik zeitlos wertvoll ist und sich die Auseinandersetzung mit diesem Genre nachhaltig lohnt! So, wie das Bewundern und Studieren alter Meister der Architektur, Bildhauerei, der Literatur und Malerei. Ein spartenübergreifendes Format würde die Jugend mehr ansprechen als nur einseitige Konzerte. Natürlich fällt es jedem Jugendlichen, der ein Instrument erlernt oder in einem klassischen Chor singt, wesentlich leichter, sich für klassische Musik zu begeistern. Dafür braucht es aber Disziplin oder zumindest den Willen und die Möglichkeit, ein- bis zweimal in der Woche eine Probe zu besuchen. Hier sind die Schulen aufgefordert, den Eltern Wege zu ebnen oder durch eine praxisnahe Begleitung (z. B. durch das zur Bereitstellen von Übe-Räumen) zu helfen. Schulorchester oder andere Gemeinschaftserlebnisse am Instrument oder mit der eigenen Stimme im Chor helfen genauso dabei, die Liebe zur klassischen Musik zu entdecken, wie auch eigens für Kinder und Jugendliche konzipierte Konzertreihen. Durch die Jugendkonzerte im Hessischen Rundfunk bin ich selbst in den 1970ern positiv geprägt worden. Der Kontakt dazu entstand über meine Schule, das Frankfurter Goethe-Gymnasium. Bei solchen Konzerten für Gleichaltrige kann man als Jugendlicher Community erleben: ein wesentlicher Faktor für das Interesse an einem Format!

Tell us about your creative process. What is your favorite piece (written by you) and how did you start working on it?

Jeder Komposition geht ein kreativer Prozess voraus. Bei der Vertonung von Texten genauso wie bei rein absoluter Musik. Ich kann einem Text ein musikalisches „Kopf-Kino“ hinzukomponieren oder übergeordnet ein Element herausgreifen und von allen Seiten kompositorisch ausleuchten. Formen gibt es unzählige, Stilrichtungen (nicht nur klassisch) ebenso viele. Es geht mir mehr um das Ordnen, Modulieren, Variieren und Komprimieren der vielen Ideen und Möglichkeiten, woraus am Ende ein in sich stimmiges Stück entsteht. Ein selbstkomponiertes Lieblingsstück habe ich nicht; fast alle Stücke sind in einem bestimmten Kontext entstanden und haben dort ihren Platz: praxisnah oder als absolute Musik – wie meine frühe Tanzsonate mit den beiden nachfolgenden Sätzen CanCiaCon und Rondo amorientale für Klavier.

Can you give some advice for young people who want to discover classical music for themselves?

Wichtig ist – neben der Vermittlung der Faszination von klassischer Musik, die sich jungen Leuten nicht von alleine erschließt –, dass man das Erlernen eines Instrumentes oder das Mitsingen im Chor auch von anderen Seiten her bewirbt: Mittlerweile ist es bewiesen, dass das Beherrschen eines Instrumentes oder das Auswendiglernen von Liedern beide Hirnhälften derart gut miteinander vernetzt und beschäftigt, dass man auch der eigenen Gesundheit im Alter vorbeugt und eine geistige Fitness bewahren kann. Darüber hinaus ist jede Art von Musikausübung in Chören oder Orchestern friedens- und gemeinschaftsstiftender als z.B. Sport. Bei der Musik gibt es keine Verlierer – es gibt nur Gewinner, wenn ein Stück gemeinsam erarbeitet und am Ende mit Erfolg aufgeführt wird. Den Applaus bekommen alle und nicht nur einer oder drei auf dem Siegertreppchen. Es ist also auch ein für jede Gesellschaft nicht hoch genug einzuschätzender Gewinn, wenn das Musizieren von Kindesbeinen an gefördert und auch in der Öffentlichkeit als positives Tun dargestellt wird. Je eher Kinder und Jugendliche durch ihr eigenes Spiel mit ihrem Instrument oder dem Klang der eigenen Stimme Erfolgserlebnisse sammeln und natürlich auch die besondere Wirkung von Musik erfahren, desto eher werden sie diese als bereichernd und sinnstiftend erleben. Und mancher wird dieses Erleben zu seinem Beruf machen. Hoffentlich sind das auch in Zukunft so viele, dass die klassische Musik weiter in alle Welt vermittelt wird. So viele herausragende Musikerpersönlichkeiten haben dank moderner Transportmittel in der Vergangenheit die ganze Welt bereist und die klassische Musik als Botschaft im Gepäck gehabt – und damit vollkommen neue Räume für diese Kultur erschlossen. Möglicherweise liegt die Zukunft der klassischen Musik derzeit eher in Asien und Südamerika als in den westlichen Industrieländern, die durch den Mainstream der kommerziellen Musik schon vollkommen infiltriert und der klassischen Musik weitgehend „entwöhnt“ sind. Zurück zur Ausgangsfrage: Kinder und Jugendliche müssen erkennen, dass Musik nicht nur ein Hintergrunds-Fastfood-Fun-Faktor ist, sondern neben Herz und Bauch auch das Gehirn und die Seele erfasst – ja manchmal auch den ganzen Körper im positivsten Sinne ein Gänsehautgefühl spüren lässt. Nicht umsonst heißt es, dass die Musik da anfängt den Menschen zu berühren, wo Worte ihre Kraft verlieren und den Menschen nicht mehr erreichen. Das gilt ganz besonders für die vielfältigen Formen klassischer Musik der vergangenen Jahrhunderte – bis in unsere Tage.

Do you think about the audience when composing?

Natürlich freut es mich, wenn Zuhörern meine Musik gefällt oder diese berührt. Vor allem nach meinen (Orgel-)Improvisationen darf ich das häufiger feststellen. Diese Zustimmung kann aber nicht unmittelbar und bei jedem ersten Hören erwartet werden. Dazu bedarf es einer Konditionierung und Vorerfahrung der Zuhörer. Mein Ziel in meinen Kompositionen ist die ästhetische Verfeinerung des Klangs und die Anreicherung von Musik mit meinen persönlichen Stilmitteln. Im Idealfall gelingt es Komponisten und Musikern für einen Moment, den Zuhörer zu bezaubern, gegenwärtig Belastendes vergessen zu lassen und ihm eine kleine Insel, eine Oase des Glücks zu schenken.

What projects are coming up? Do you experiment in your projects?

2018 betreute ich als Herausgeber und Komponist beim Bärenreiter-Verlag zusammen mit einem Kollegen ein zweibändiges Ökumenisches Orgelbuch (BA 11236). Auf knapp 600 Seiten haben insgesamt 14 lebende Komponisten 135 Choralmelodien kompositorisch zu eigenständigen Musikstücken mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln verarbeitet. 18 Bearbeitungen stammen dabei von mir. Die Bücher liegen jetzt auf ganz vielen Orgelemporen! Das freut mich natürlich sehr (-: Zur Zeit bleibt mir wenig Zeit zum Komponieren: mein Arbeitsplatz, das Bonner Münster, wurde nach vierjähriger Generalsanierung wiedereröffnet und wird nun auch musikalisch vielfältigst von mir und meinen vier Ensembles „bespielt“. Aber mein „Chant sans paroles“ für Klavier war in diesem Jahr meine kleine und persönliche kompositorische Musikinsel, die ich im vergangenen Juli während meiner Sommerferien geschrieben habe. Das Stück vermittelt sowohl etwas von der allgemeinen Corona-Melancholie als auch einen positiven Ausblick auf eine hoffentlich bald wieder mögliche neue Normalität.